KATWARN – Digitalisierung falsch verstanden

Zu Beginn ein grundlegendes Statement: Digitalisierung ist alternativlos und gerade für den Staat eine Chance dem Bürger nahe zu kommen. Allerdings zeigt sich hier gleichsam auch der Grad der Überforderung, Digitalprojekte kosten- und nutzeneffizient anzugehen und vor allem den Bürger auch zu verstehen.

Nun haben wir also mit KATWARN ein hochmodernes (?) Warnsystem als App für den Katastrophenfall und gefährliche Lagen? Denkste!

Ein Zitat des Berliner Polizeipräsidenten Klaus Kandt trifft den Nagel auf den Kopf:

Wir brauchen das KATWARN-System ja gar nicht. Wir haben ja unsere eigenen Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Das ist gestern Abend auch sehr weitreichend und gut gelungen. Wir sind in Social Media stark verbreitet – ich habe jetzt die Klick-Zahlen nicht mit, wie stark wir wahrgenommen worden sind – und das reicht uns vollkommen aus. Wir brauchen KATWARN nicht als Polizei Berlin.

So ist es. Es ist viel Marketing und Aufklärung notwendig um Millionen von Deutschen dazu zu bringen sich selber diese App auf ihr Smartphone zu installieren. Eine App die man herunterladen und installieren muss, die aber zeitlich gesehen wenig direkten Nutzen hat, ist zum Scheitern verurteilt! Der Nutzen kommt ja erst später, vielleicht. Ein vermeintliches Sicherheitsgefühl kommt nicht auf, zudem ja in der Vergangenheit immer wieder von Fehlauslösungen und Funktionsstörungen berichtet wurde.

Es wird mit Steuergeldern eine parallele Infrastruktur zu den weit verbreiteten sozialen Messengern (Twitter, Facebook, WhatsApp, …) aufgebaut, die niemand braucht und am Ende des Tages auch nur wenige nutzen (1,5 Mio. Menschen in DE laut Wikipedia), aber die Allgemeinheit zahlt!

Übrigens gibt es hier auch nicht nur eine App, das wäre ja zu einfach. Manche Länder nutzen KATWARN, manche die App NINA vom BBK (Bundesamt für Bevölkerungshilfe und Katastrophenschutz).

Nun was sind die Alternativen?

Eigentlich ganz einfach… Wir brauchen keine Apps die uns warnen – denn die haben wir ja schon! Ich möchte anbei drei Wege aufführen wie der Staat das digitale Projekt „Warnen im Katastrophenfall“ einfacher, nutzerfreundlicher und günstiger umsetzen kann:

  1. Die staatlichen Stellen nutzen die vorhandene Infrastruktur und warnen über Twitter, Facebook, WhatsApp, u.s.w.
    1. Vorteil: Sie machen es ja zum Teil schon! Der Deckungsgrad dieser Apps auf den Smartphones der Bundesbürger ist sehr hoch! Twitter hat 3,6 Mio. Nutzer in Deutschland, Facebook 21 Mio. und WhatsApp sogar 35 Mio. in DE!
    2. Nachteil: Die Nachrichten sind nicht immer „prominent“ und könnten im Fluss untergehen oder die Benachrichtigungsfunktionen der Smartphones sind ausgeschaltet.
  2. Der Staat kooperiert mit Facebook und oder Twitter und oder WhatsApp und so weiter…
    1. Vorteil: Es könnten Warnfunktionen in deren Apps eingebaut werden die hoheitlichen Stellen vorbehalten sind. Facebook bietet mit dem SafetyCheck ja bereits einen anders orientierten Dienst für Großschadenslagen an. Die Apps könnten dann in Zukunft sehr prominent Benachrichtigen. (Kennzeichnung, Töne, …)
    2. Nachteil: Wie bei KATWARN, NINA und allen anderen Apps: Wenn im Betriebssystem der Ton ausgestellt ist und der Nutzer nicht aktiv aufs Smartphone blickt, warnt hier gar nichts.
  3. Der Staat kooperiert mit Apple und Google und die Warnfunktion wird direkt in deren mobile Betriebssysteme iOS und Android implementiert.
    1. Vorteil: Allumfassende Warnung, Deckungsgrad in der Bevölkerung extrem hoch
    2. Nachteil: Technisch gar keiner, wenn dann eher politisch…

Noch ein Wort zu den Kosten:

Die App ist zwar für den Endnutzer kostenlos, für den Steuerzahler allerdings nicht. Der Landkreis Neuwied gibt die Kosten für die Implementierung vom KATWARN mit 15.000 EUR an. Tatsächlich zahlt jede Kommune einmalig 15 TEUR und danach 3 TEUR pro Jahr. Echt jetzt? Jede Kommune muss das einzeln umsetzen? Man stelle sich mal vor jede Firma, die ein Twitter-Konto eröffnet, müsste Nutzungs- und Einführungskosten von mehreren Tausend Euro zahlen nur um ein paar Messages tweeten zu können.
Liebe Innenminister der Bundesländer, liebe Projektleiter: Das ist für ein digitales Produkt zu teuer! Der Unternehmer in mir sagt sich „ein spannendes Geschäftsmodell“ (Anmerkung: des Herstellers CombiRisk GmbH). Der Bürger in mir ärgert sich einfach nur.

Zwei Botschaften möchte ich Ihnen abschließend mit auf den Weg geben:

  • Die digitale Welt tickt global, das heißt die Reichweite von Software ist unbegrenzt. Hier liegt der Erfolgsfaktor und auch die mögliche Skalierbarkeit (Kostenersparnis). Eine Lösung die jetzt wieder jede Kommune einzeln einführen und bezhalen muss ist Antidigitalisierung!
  • Digitalisierung lebt von Partnerschaften und Netzwerken. Wir brauchen keine parallelen Infrastrukturen, wir brauchen ein WIR Gefühl. Technologie kennt keine Politik!

Die Idee, die Bürger digital zu warnen, ist richtig. Niemand braucht mehr 60 Jahre alte Sirenen im Dorf. Die Welt tickt global und digital. So muss der Katastrophenschutz auch denken! Die Umsetzung hier ist aber leider nicht wirklich zielführend.

DIGITALISIERUNG: JA! SCHRIT FÜR SCHRITT, MIT KONKRETEM ZIEL UND SOLIDEM PLAN.